Aktive ETFs gelten derzeit als eines der dynamischsten Segmente im Asset Management. Das Wachstum ist beachtlich, die Aufmerksamkeit hoch. Doch bei aller Euphorie lohnt ein nüchterner Blick: Handelt es sich um eine strukturelle Revolution – oder eher um eine evolutionäre Weiterentwicklung bestehender Konzepte?
Kein Paradigmenwechsel im Investmentprozess
Zunächst zur vielleicht wichtigsten Einordnung: Aus Sicht des Investmentprozesses gibt es keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen einem aktiv gemanagten ETF und einem klassischen aktiven Investmentfonds.
In beiden Fällen entscheidet die Qualität des Investmentprozesses. Entscheidend sind Research-Tiefe, Risikomanagement, Disziplin in der Umsetzung und – vor allem – die Fähigkeit zur Selektion. Wer dauerhaft Alpha erzielen will, muss Mehrwert schaffen. Das Vehikel allein garantiert keine Outperformance.
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Aktive ETFs gelten derzeit als eines der dynamischsten Segmente im Asset Management. Das Wachstum ist beachtlich, die Aufmerksamkeit hoch. Doch bei aller Euphorie lohnt ein nüchterner Blick: Handelt es sich um eine strukturelle Revolution – oder eher um eine evolutionäre Weiterentwicklung bestehender Konzepte?
Kein Paradigmenwechsel im Investmentprozess
Zunächst zur vielleicht wichtigsten Einordnung: Aus Sicht des Investmentprozesses gibt es keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen einem aktiv gemanagten ETF und einem klassischen aktiven Investmentfonds.
In beiden Fällen entscheidet die Qualität des Investmentprozesses. Entscheidend sind Research-Tiefe, Risikomanagement, Disziplin in der Umsetzung und – vor allem – die Fähigkeit zur Selektion. Wer dauerhaft Alpha erzielen will, muss Mehrwert schaffen. Das Vehikel allein garantiert keine Outperformance.
Die Diskussion „aktiver ETF versus aktiver Fonds" greift daher zu kurz, wenn sie sich allein auf die Verpackung konzentriert. Die eigentliche Frage lautet: Ist der Investmentansatz robust genug, um nach Kosten einen Mehrwert zu generieren?
Unterschiede in der Abwicklung – relevant für Profis
Unterschiede bestehen vor allem in der Struktur und Abwicklung. Aktive ETFs werden durchgängig gehandelt – sogenannte Market Maker stellen Liquidität und Preise zur Verfügung. Für Privatanleger spielt dieser Aspekt meist eine untergeordnete Rolle. Für Family Offices und institutionelle Investoren hingegen kann diese Flexibilität bei taktischen Allokationsanpassungen und der Liquiditätssteuerung durchaus relevant sein – insbesondere in volatilen Marktphasen.
Der eigentliche Gamechanger: Pricing
Der entscheidende Unterschied liegt jedoch nicht im Investmentprozess, sondern in den Kosten, beim Total Expense Ratio (TER).
- Passiver ETF: häufig ca. 0,1 Prozent TER
- Aktiver ETF: etwa 0,4 Prozent TER
- Klassischer aktiver Fonds: häufig über 2 prozent TER
Hier liegt die eigentliche Sprengkraft – und zwar unmittelbar für den Anleger. Wer als Investor in einen klassischen aktiven Fonds investiert, zahlt eine Kostenlast, die durch den Managementprozess allein kaum zu rechtfertigen ist. Ein erheblicher Teil dieser Gebühren entfällt nicht auf Research oder Portfoliomanagement, sondern auf Vertriebsvergütungen, Bestandsprovisionen und Marketingkosten. Aktive ETFs umgehen diese Strukturen weitgehend – und geben den Kostenvorteil direkt an den Anleger weiter.
Für Investoren, die aktive Strategien suchen, stellt sich damit eine neue Abwägung: Rechtfertigt die Mehrperformance eines klassischen aktiven Fonds den erheblichen Kostenaufschlag gegenüber einem vergleichbaren aktiven ETF? In vielen Fällen lautet die Antwort: nein.
Strukturwandel im Vertrieb
Generell nimmt der Trend zu unabhängiger Beratung, Honorarberatung und Vermögensverwaltung zu. In diesem Umfeld geraten hohe Verwaltungsgebühren zunehmend unter Druck. In den USA ist diese Entwicklung bereits weiter fortgeschritten. Dort ist die Kostenlücke zwischen aktiven ETFs und klassischen aktiven Fonds deutlich geringer – vor allem deshalb, weil aktive Fonds selbst wesentlich günstiger sind als in Europa. Die Differenz liegt dort häufig unter einem Prozentpunkt.
Der europäische Markt steht noch am Anfang dieser Entwicklung. Für Investoren bedeutet das: Die Preistransparenz, die aktive ETFs erzwingen, wird die Vergleichbarkeit von Produkten mittelfristig erhöhen – ein struktureller Vorteil auf der Kapitalgeberseite.
Kein Entweder-oder, sondern Differenzierung
Bedeutet das das Ende klassischer aktiver Fonds? Nein. Aber es bedeutet: Hohe Gebühren lassen sich nur rechtfertigen, wenn sie durch überzeugende Performance, stringentes Risikomanagement und klare Differenzierung gedeckt sind. Anleger sind gut beraten, diese Frage konsequenter zu stellen als bisher.
Aktive ETFs bieten eine kostengünstigere Alternative für aktive Strategien – insbesondere in liquiden, gut erschlossenen Märkten. In weniger liquiden Segmenten, bei komplexen Strategien oder in Spezialthemen können klassische Fondsstrukturen weiterhin Vorteile haben. Die Diskussion darf daher nicht ideologisch geführt werden.
Evolution mit struktureller Wirkung
Aktive ETFs sind kein Paradigmenwechsel im Asset Management. Aber sie sind ein struktureller Impulsgeber. Sie zwingen die Branche zu mehr Kosteneffizienz, erhöhen die Vergleichbarkeit und stärken den Wettbewerb. Für Investoren ist das grundsätzlich positiv.
Am Ende gilt jedoch unverändert: Alpha entsteht nicht durch die Verpackung, sondern durch Kompetenz, Disziplin und einen klar definierten Investmentprozess. Die Zukunft gehört nicht einer Produktkategorie – sondern denjenigen, die ihren Mehrwert überzeugend unter Beweis stellen.
Über den Autor
Reinhard Pfingsten ist Diplom-Wirtschaftsmathematiker und arbeitet seit September 2023 als Chief Investment Officer bei der Deutschen Apotheker- und Ärztebank.
