Die größten Finanzbetrüger Adele Spitzeder – die erste und größte Ponzi-Betrügerin?

Szene aus der Komödie "Adele Spitzeder oder wia ma´s Spui spuit" der Iberl Bühne

Szene aus der Komödie "Adele Spitzeder oder wia ma´s Spui spuit" der Iberl Bühne: Das Leben Adele Spitzeders inspirierte mehrere Komödien und Possen. Bildquelle: Iberl Bühne

Adele Spitzeder hatte eine ungewöhnliche Karriere. Sie startete als erfolglose Schauspielerin und wurde Münchens erste Privatbankerin. Ihrem Berufsstand macht sie jedoch trotz nahezu exponentiellem Wachstums der Bank keine Ehre: Sie ist eine der größten Betrügerinnen der Bankgeschichte und startete das erste Schneballsystem Deutschlands, vielleicht sogar der Welt. Und welche Kunden lassen sich schon gern von der Bankchefin als Kalbsköpfe betiteln?

Adele Spitzeder – Kapitel 1: Die Schauspielerin

Adelheid, oder Adele, Spitzeder brachte innerhalb weniger Jahre geschätzt 32.000 Münchner Bürger um umgerechnet rund 500 Millionen Euro. Unter ihren Kunden waren neben zahlreichen Bauern aus Münchens Umland auch König Ludwig und mehrere Gemeinden.

Spitzeder kam 1832 als Tochter des Sänger- und Schauspieler-Ehepaars Josef Spitzeder und Betty Spitzeder-Vio zur Welt. Trotz des frühen Tods ihres Vaters verkehrte sie von Anfang in der vornehmen Gesellschaft und besuchte kostspielige Privatschulen. Zunächst folgte sie dem Vorbild ihrer Mutter und wurde Schauspielerin.

Sie war zwar in ganz Deutschland engagiert, doch konnten ihre Einnahmen ihren aufwändigen Lebensstil nicht finanzieren. Spitzeder verzichtete auf einen festen Wohnsitz und lebte stattdessen mit mehreren Hunden in Hotels und Gasthäusern. Zusätzlich beschäftigte sie Privatangestellte. Dabei wechselte sie nicht nur regelmäßig ihre Adresse, sondern auch ihre Lebensgefährtinnen.

Kapitel 2:  Von der Pleite zur ersten Münchner Privatbankerin

Besonders brenzlig wird es, als Spitzeder mit Ende 30 keine Engagements mehr erhält. Bald war sie pleite. Als sie sich mit der Frau eines Zimmermanns unterhält, kommt sie auf die Idee, Geld mit Geld zu machen. Sie verspricht der Frau, dass sie auf ihre Einlagen zehn Prozent Zinsen monatlich zahlt. Das klingt verlockend. Die Frau folgt Spitzeder zu ihrem Hotel und gibt ihr 100 Gulden. Spitzeder sagt zu, insgesamt 30 Prozent Zinsen in drei Monaten zu zahlen, und gibt der Zimmermannsfrau sogar 20 Gulden direkt zurück. In drei Monaten könne sie dann 110 Gulden abholen.

Zehn Prozent Zinsen pro Monat, die bar ausgezahlt werden ihr Geschäft sprach sich schnell rum. Bald hatte Spitzeder so viele Kunden, dass sie 1869 gemeinsam mit ihrer Lebensgefährtin Emilie Stier eine Bank gründet, in ihrem eigenen Haus in München, denn der Andrang wurde zu groß für ihre Zimmer im Hotel. So wurde Spitzeder zur ersten Privatbankerin Münchens. Dennoch zahlte sie die Zinsen weiterhin bar aus, was schon damals unüblich war, ihr aber umso mehr Kunden bescherte.

Kapitel 3: Das Chaos oder der Ponzi-Betrug vor Ponzis Geburt

Als unkonventionell lässt sich auch ihre Buchführung beschreiben, die sich auf ein Quittungsbuch beschränkte, in dem lediglich eingetragen wurde, wer wie viel eingezahlt hat. Teilweise unterschrieben ihre Kreditgeber allerdings lediglich mit drei Kreuzen. Das eingenommene Geld wurde in ihrem zwischenzeitlich gekauften Haus in Säcken verwahrt, teils auch im Tresor eines Friseurs. Keiner ihrer Angestellten hatte eine seinem Beruf angemessene Ausbildung. Alle konnten sich an dem herumliegenden Geld bedienen und machten davon auch Gebrauch.

Es überrascht wohl kaum, dass die vereinnahmten Gelder nicht kaufmännisch verwaltet wurden, entsprechende Vorschriften gab es ja auch nicht. Spitzeder zahlte die Zinsen aus neu eingenommen Krediten und gewährte keinerlei Sicherheiten. Sie startete damit ein Ponzi-Schema, noch bevor Charles Ponzi auf die Welt kam. Einige Quellen reden vom ersten Schneeballsystem der Welt.

 Kapitel 4: Spitzeders Erfolg schafft Gegner

Die sogenannte „Dachauer Bank“ lief trotz des Chaos monatelang hervorragend. Weder Kreditwesengesetz noch Finanzaufsicht konnten sie bremsen, denn sie waren nicht existent. Spitzeders meist bäuerlichen Kundschaft brachte oft mehr als 100.000 Gulden pro Tag zu ihr und die Privatbank stellte im Schnitt mehr als 1.000 Wechsel aus. Bald erweiterte Spitzeder ihre Geschäfte und vergab auch Kredite. Zusätzlich traute sie sich auf den Immobilienmarkt und kaufte und verkaufte Grundstücke und Häuser in ganz Bayern.

Natürlich kamen auch kritische Stimmen auf, die den Betrug witterten. Doch Spitzeder konnte ihr öffentliches Bild lange wahren. Sie bestach mehrere Redakteure, teilweise mit fünfstelligen Beträgen – eine Inspiration für Helmut Dietls „Kir Royal“?

Zudem trat Spitzeder regelmäßig mit großzügigen Spenden als Wohltäterin auf. Zusätzlich zahlte sie ihren Vermittlern Provisionen in Höhe von fünf bis sieben Prozent der Darlehenssummen. 

Spitzeder war so erfolgreich, dass andere Banken wegen ihr Schulden machten. Ihre Einzahlungen gingen zurück, Kunden hoben sogar Geld von ihren Konten ab, um es zu Spitzeders Dachauer Bank zu bringen. 

Kapitel 5: Das Ende der Spitzeder-Bank

Dieser Erfolg wurde Spitzeder zum Verhängnis. Der Druck ihrer Gegner Regierungsvertreter, einzelne kritische Pressevertreter und Konkurrenz-Banken – wuchs. Als die Polizei mehrere Schuldscheine aufkaufte und öffentliche Warnungen einen Bankrun auslösten, brach Spitzeders Konstrukt zusammen. Denn die Vermögenswerte der Spitzeder-Privatbank machten nur rund 14 bis 15 Prozent der Forderungen gegen sie aus, wie ein Insolvenzverwalter später feststellen würde.

Das Ende der Dachauer Bank trieb einige Gläubiger in den Suizid. Mehrere Bauern hatten ihre Höfe verkauft, um von den Zinsen zu leben. Auch Gemeinden waren finanziell ruiniert. Wie umfangreich der Betrug genau war, lässt sich aufgrund der mangelhaften Buchführung nur schätzen. Wie oben erwähnt, geht man von mehr als 30.000 Kunden und einer Summe von 38 Millionen Gulden aus. Einige Quellen beschreiben Spitzeder daher nicht nur als erste, sondern sogar als größte Ponzi-Betrügerin Deutschlands.

Kapitel 6: Die Haft und das Leben danach

Spitzeder wurde im November 1872 verhaftet und zu nach zehnmonatiger Untersuchungshaft wegen betrügerischen Bankrotts zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Die Strafe saß sie allerdings stattdessen  im Gefängnis ab, wo sie ihre Memoiren schrieb.

Strafmildernd wirkte sich aus, dass es damals keine Auflagen zur Buchführung gab und Spitzeder auch nie mit Sicherheiten geworben hatte. „Kalbsköpfe, ich sage euch rundheraus, dass ich keine Sicherheit für euer altes Geld gebe!“, soll sie gesagt haben.

Nach der Haft versuchte sie sich erneut als Schauspielerin in Altona und Berlin, wo sie allerdings postwendend Auftrittsverbote erhielt. Zurück in München gründete sie ein Damenorchester.

Anscheinend inspiriert von ihrem ehemaligen Erfolg, versuchte sie sogar erneut ein Bankgeschäft zu eröffnen. Weil sie keine Zulassung hatte, wurde sie aber sofort wieder verhaftet. Anschließend versuchte sie es erneut als Schauspielerin und Volkssängerin, blieb aber erfolglos. Spitzauer starb 1895 an Herzversagen.

Kapitel 7: Adele Spitzeder als Inspiration für Theater, Film und Literatur

Die Absurdität der Geschichte inspirierte mehrere Theaterstücke wie die Posse „Adele Spitzeder als Ehehinderniß , oder: Die aufgehobene Dachauerbank und der unterbrochene Kaffeeklatsch“, die das Königsberger Stadttheater 1873 erstaufführte. Der Stoff Spitzeders Leben und ihrer Bank wurde auch in Marionettenstücken, Komödien und Fernsehfilmen verarbeitet.

 

So verbindet auch die Iberl-Bühne in der Komödie „Adele Spitzeder oder wia mas Spui spuit“ Fiktion und Wahrheit und führt eine „fast ernstgemeinte Hommage“ an Münchens erste Privatbankerin und Betrügerin auf. Mit ihrem Gastspiel ist die Iberl-Bühne in ganz Bayern unterwegs. Der nächste Termin ist am 22. November im Hausler Hof Hallbergmoos. Eine Übersicht über alle Gastspiel-Termine finden Sie hier.

Zudem sind zahlreiche Podcasts und Bücher über Adele Spitzeder und ihre Geschichte erschienen. Die Redaktion empfiehlt „Adele Spitzeder: Der größte Bankenbetrug aller Zeiten“ von Julian Nebel, das 2017 bei Finanzbuch erschienen ist.

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