Vor der opulenten Kulisse der Essener Philharmonie sind am Freitag rund 340 Gäste aus der Vermögensverwalterbranche sowie Vertreter von Family Office und Stiftungen zusammengekommen, um sich über den aktuellen Stand, neue Entwicklungen und die Zukunft ihrer Zunft auszutauschen.

Hälfte der Branche vor Ort

Nach der vorangegangenen Veranstaltung in Wiesbaden 2017, auf der der Verband unabhängiger Vermögensverwalter (VuV) sein 20-jähriges Bestehen feierte, konnte sich Gastgeber und VuV-Vorstandsvorsitzender Andreas Grünewald auch dieses Jahr über einen weiteren Besucherrekord freuen: Insgesamt verzeichnete der 5. Deutsche Vermögensverwaltertag 2018 rund 340 Teilnehmer – darunter 200 unabhängige Vermögensverwalter und damit etwa die Hälfte der in Deutschland vertretenen Anbieter.  

„Der Branche geht es gut bis sehr gut“, und dies trotz schweren Gepäcks wie Zollstreitigkeiten, Regulierung oder Digitalisierung, stellte Grünewald fest, der die Gäste gerade im Hinblick gerade auf die beiden letztgenannten Themen zur fortgesetzten Zusammenarbeit aufrief: „Wir schaffen das nur gemeinsam, als Gruppe“, so der VuV-Chef.

Was das Thema Digitalisierung angeht, konnte der VuV durch Blogger und Spiegel-Kolumnist Sascha Lobo mit einem ausgewiesenen Netzexperten als Auftaktredner aufwarten. Der 43-Jährige hatte sich gut vorbereitet: In gewohnt launiger Manier führte Lobo den Gästen an verschiedenen Beispielen aus dem VuV-Ehrenkodex das disruptive Potential der Digitalisierung für ihre Branche vor Augen.

„Standwanzen“ im Wohnzimmer

Dabei stand vor allem der wachsende Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) sowie das Erstarken und die wachsende Macht digitaler Plattformen im Fokus. Bestes Beispiel für Letzteres seien etwa jene Menschen, die zwar in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts noch emphatisch gegen die Volkszählung auf die Straße gegangen seien, mittlerweile aber klaglos „Standwanzen“ in Form von Smart Speakern wie Alexa, Siri und Co. in ihr Wohnzimmer stellten, so Lobo.

Langfristig werde dies zu Erscheinungen führen, die man sich heute noch nicht einmal vorstellen könne. Gegen diese Entwicklung helfe Vermögensverwaltern nur Kooperation. Da der digitale Strukturwandel die Vermarktung primär durch Plattformen begünstige, biete er Vermögensverwaltern die Möglichkeit, mit möglichst einheitlichen Standards digital präsent zu werden.

„Ich glaube, dass sie eine eigene, große Plattform brauchen und sich dafür im Zweifel sogar zusammenschließen sollten“, so das Fazit Lobos. Zugleich gelte es, den Übergang vom klassischen Vermögensverwalter hin zum verwaltenden Erklärer zu schaffen, der dem Kunden verständlich mache, warum die KI bestimmte Entscheidungen treffe.

Gesellschaftliche Verantwortung im Blick

Sein grundlegender Appell an die Branche: Bei diesem Prozess müssten die Anbieter die Ambivalenz der Digitalisierung etwa hinsichtlich Datenschutz berücksichtigen und die eigene Verantwortung für die gesellschaftlichen Auswirkungen des digitalen Wandels immer im Blick zu behalten.

Prof. Dr. Henry Schäfer vom Betriebswirtschaftlichen Institut der Universität Stuttgart beleuchtete anschließend nachhaltiges Investieren: Seiner Einschätzung nach hat das Thema sowohl beim Regulierer auf europäischer Ebene als auch in Deutschland bereits voll Fahrt aufgenommen.

Ebenfalls verbessere sich die Stimmung für nachhaltige Geldanlagen in Deutschland – insbesondere bei institutionellen Anlegern. Viele Potenzialkunden hätten das Thema bereits auf dem Radar. Er gab der Finanzindustrie den Rat, ihre Kompetenz im Bereich Sustainable Finance zügig auszubauen.

Der 6. Vermögensverwaltertag findet am 15. November in Karlsruhe statt.