20 Jahre Gemeinschaftswährung Der Euro ist mehr Lira als D-Mark

Philipp Vorndran, Kapitalmarktstratege bei Flossbach von Storch: „Draghis Rettungsversprechen ist die Lebensversicherung für den Euro. Zumindest für eine Weile noch.“ | © Flossbach von Storch

Philipp Vorndran, Kapitalmarktstratege bei Flossbach von Storch: „Draghis Rettungsversprechen ist die Lebensversicherung für den Euro. Zumindest für eine Weile noch.“ Foto: Flossbach von Storch

Der Euro wird so stark wie die D-Mark sein“. Dieser Ausspruch stammt von Helmut Kohl, dem Kanzler der Deutschen Einheit. Das Zitat aus den 1990er-Jahren vermittelt sehr schön die damalige Stimmungslage in Deutschland. Sie war geprägt von Vorbehalten und einer – mehr oder weniger deutlich formulierten – Aufgabenstellung an Politiker und Notenbanker: Wir, die Deutschen, werden unsere D-Mark hergeben, also sorgt gefälligst dafür, dass der Euro am Ende des Tages nicht weniger stark ist!

Der Euro – Diener vieler Herren

Ich habe seinerzeit in der Schweiz gelebt und mit sehr vielen Kollegen aus unterschiedlichen Nationen zusammengearbeitet. Es war sehr spannend für mich zu hören, wie denn die Aufgabenstellungen der anderen lauteten: Die Italiener haben sich den Euro als neue Lira gewünscht, also eine möglichst „weiche“ Währung; obendrein standen niedrige Zinsen auf dem Wunschzettel. Die Franzosen wiederum wollten den Euro als potenzielle Weltleitwährung positionieren, um den US-Amerikaner und deren Dollar die Stirn“ zu bieten. Kurzum: Den Euro-Verantwortlichen, Politikern und Notenbankern wurden sehr unterschiedliche, kaum kompatible Forderungen ins Pflichtenheft geschrieben. Am Ende stand dort nichts Halbes und nichts Ganzes.

Die Probleme liegen offen

20 Jahre sind nunmehr seit der Einführung des Euro-Buchgeldes vergangen. Heute treten die Probleme der Gemeinschaftswährung offen zu Tage. Der Euro taugt unseres Erachtens nicht als Gesamtkonstrukt für derart unterschiedliche Volkswirtschaften: Für die ökonomisch starken Mitgliedsstaaten ist er zu schwach und für die schwachen zu stark. Was am Ende des Tages aber nichts anderes bedeutet, als dass sich die Europäische Zentralbank (EZB) an den schwächeren orientieren muss, weil sie eben nicht alle Bedürfnisse befriedigen kann. Der Euro ist deshalb auf dem besten Weg, eine zweite Lira zu werden. Mit tiefen Zinsen.

Vermögen auch auf andere Währungen aufteilen

Viele Menschen in Deutschland sehen den Euro aber noch immer als den natürlichen Nachfolger der D-Mark, so wie es ihnen einst versprochen wurde. Eine starke Währung als Ausdruck wirtschaftlicher Prosperität. Das spiegelt auch die Disposition ihres Vermögens wider. Fremdwährungen sind darin praktisch nicht vorgesehen. Jahrzehnte lang hatten die Deutschen verinnerlicht, dass man sich um den Außenwert der eigenen Währung nicht scheren müsse. Die Zeiten sind jedoch lange vorbei, wie ein Blick auf die Wertentwicklung des Euro zu den anderen bedeutenden Handelswährungen in den vergangenen Jahren zeigt. Ein Vermögen breit aufzustellen heißt nicht, es nur auf verschiedene Anlageklassen und Einzeltitel aufzuteilen, sondern eben auch auf verschiedene Währungsräume.

Der Euro wird unseres Erachtens schwach bleiben, eher noch schwächer werden – und die Zinsen tief. Andernfalls wäre der Euro gescheitert, da einzelne Staaten aus dem Währungsverbund austreten müssten. „Whatever it takes“, hat der scheidende EZB-Chef Mario Draghi gesagt. Was immer es koste, den Euro zu retten. Die Gemeinschaftswährung ist letztlich nur so stark wie ihr schwächstes Mitglied.

EZB-Politik ist die Lebensversicherung des Euro

Draghis Rettungsversprechen ist die Lebensversicherung für den Euro. Zumindest für eine Weile noch. Die Schulden steigen immer weiter, die öffentlichen und die privaten gleichermaßen. Ohne Niedrigzinsen wären sie dauerhaft kaum zu finanzieren.