Entgegen der landläufigen Meinung Zehn Gründe, warum Deutschland kein Euro-Gewinner ist

Daniel Stelter, früher Senior-Partner bei der Strategieberatung BCG, berät heute Finanzinstitute bei der Bewältigung der andauernden Finanzkrise

Daniel Stelter, früher Senior-Partner bei der Strategieberatung BCG, berät heute Finanzinstitute bei der Bewältigung der andauernden Finanzkrise

Wann immer die deutsche Position in der Eurokrise diskutiert wird, darf der mahnende Hinweis – vor allem ausländischer Kommentatoren – nicht fehlen, dass die Deutschen doch die eigentlichen Profiteure des Euro seien. Die Einführung der Einheitswährung habe erst die Grundlage für Export- und Beschäftigungsboom gelegt. Nur so hätten die deutschen Unternehmen Marktanteile gewinnen, und der Produktionssektor in den anderen Euroländern derart schrumpfen können.

Demzufolge wäre es auch nur richtig, wenn wir uns nun besonders solidarisch zeigten und die Kosten für die Euro-Rettung tragen würden.

Stimmt das? Nimmt man die Perspektive des sprichwörtlichen „Manns auf der Straße“ ein, kommt man zu einer ganz anderen Ergebnis.

Zehn Argumente, warum der Euro – im Gegenteil – zu einer Verringerung des deutschen Wohlstandes und der langfristigen Wettbewerbsfähigkeit geführt hat:

  1. Zu Zeiten der Mark stand die deutsche Wirtschaft unter konstantem Aufwertungsdruck. Die Währungen der Haupthandelspartner – der französische Franc, die italienische Lira aber auch der US-Dollar – werteten in schöner Regelmäßigkeit gegenüber der Mark ab.

    In der Folge war die deutsche Wirtschaft gezwungen, immer produktiver zu werden. So wuchs die Produktivität in den Jahren vor der Euroeinführung deutlich schneller als in der Zeit danach.

    Seit dem Jahr 2000 liegt die Entwicklung der Produktivität jedoch hinter den Fortschritten in den meisten Industrieländern, inklusive der heutigen europäischen Krisenländer wie Spanien.

  2. In der Folge wuchs das BIP pro Kopf – der entscheidende Indikator für die Entwicklung des Wohlstands – ebenfalls langsamer als vor der Einführung des Euro. Lief die Entwicklung bis 2000 noch halbwegs parallel zur Schweiz – wenn auch auf tieferem Niveau – so ist Deutschland in den vergangenen Jahren deutlich zurückgefallen.

    Wir haben uns mehr darauf konzentriert, billiger zu produzieren – statt besser. Dies wird nachhaltig die Entwicklung der deutschen Wirtschaft belasten.

  3. Die deutschen Konsumenten haben bis zur Einführung des Euro von den Abwertungen der anderen Länder profitiert. Importierte Waren und Urlaube wurden billiger.

    Auch das hat sich seit dem Jahr 2000 geändert: Die Importe wurden teurer und gleiches gilt für den Urlaub. Um weiterhin billig Urlaub machen zu können, musste man außerhalb des Euroraums reisen. Weil das die wenigsten tun, sank die Kaufkraft des Durchschnitts¬deutschen.

  4. In den ersten Jahren nach der Euroeinführung profitierten die anderen Länder von dem deutlich tieferen Zinsniveau, welches sie der von der Bundesbank auf die EZB übergegangenen Glaubwürdigkeit verdankten. Dabei waren die Zinsen für die heutigen Krisenländer zu tief, was einen einmaligen, schuldenfinanzierten Boom auslöste.

    Für Deutschland, das damals auch an einem überhöhten Bewertung bei der Festlegung des Euro-Wechselkurses litt, waren sie jedoch zu hoch. Die EZB musste einen Mittelweg gehen, der – wie sich herausstellte – für alle Länder der falsche war. Die Rezession in Deutschland war deshalb tiefer und länger als sie ohne den Euro gewesen wäre, und die Regierung war gezwungen, Ausgaben zu kürzen und die Arbeitsmarktreformen durchzuführen, die zu geringeren Löhnen in Deutschland führten.

    Das wiederum führte dazu, dass in Summe die Einkommen der Durchschnittsbürger mehr als zehn Jahre lang stagnierten. Deutschland war der kranke Mann Europas, während Spanien als Musterbeispiel für eine gute wirtschaftliche Entwicklung galt.

    Erst später wurde deutlich, dass es sich in Spanien nur eine gigantische, schuldenfinanzierte Immobilienblase handelte.

  5. Um die Wirtschaft wieder auf Trab zu bringen, setzte Deutschland auf die Wiedergewinnung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit über Kostensenkung statt Produktivitätsverbesserung. Die stagnierenden Löhne führten zu geringeren Steuereinnahmen, während die Exporte zulegten.

    Der Euro hat es Deutschland also nicht erlaubt, Handelsüberschüsse zu erzielen, sondern es geradezu erzwungen. Dass die Wirtschaft sich auf den Export konzentrierte, lag vor allem an der geringen Binnennachfrage.

  6. Richtig ist: Die deutschen Unternehmen haben von dieser Lohnzurück-haltung und dem schuldenfinanzierten Boom in den anderen europäischen Ländern profitiert. Die Exporte boomten.

    Allerdings ist es wichtig, zwei andere Aspekte dieser Entwicklung zu beleuchten: A) der Schulden- und Konsumboom in den heutigen Krisenländern führte zu einer Übernachfrage nach Gütern und Kapital, die per Definition nur aus dem Ausland befriedigt werden konnte – egal von welchem. Dass es die deutschen Unternehmen waren, die davon überproportional profitierten, verdankten sie ihrer durch Kostensenkung gestiegenen Wettbewerbsfähigkeit.

    B) Es waren die Eigentümer der exportorientierten Unter¬nehmen, die am meisten von der Euroeinführung profitierten. Bei den börsennotierten Unternehmen sind dies übrigens zu einem überwiegenden Teil ausländische Investoren, gegeben die Abneigung der Deutschen vom Aktienmarkt.

    Auch die Beschäftigten der Exportunternehmen profitierten; sie hatten zwar stagnierende Löhne, dafür aber einen guten Arbeitsplatz. Was jedoch bei einer gesamthaften Rechnung zu beachten ist: Zugleich gingen auf den Binnenmarkt ausgerichtete Arbeitsplätze verloren, und das Lohnniveau insgesamt stagnierte.

  7. Aufgrund der schwachen wirtschaftlichen Entwicklung nach Einführung des Euro, der gedämpften Steuereinnahmen und der anhaltend hohen Kosten für Sozialleistungen und Aufbau Ost ging die Politik dazu über, die Ausgaben für Investitionen zu kürzen. Dies führte zu einer weiteren Senkung der Binnennachfrage in Deutschland.

  8. Ein Handelsüberschuss geht immer mit einem Ersparnisüberschuss einher. Dies führte zu einem enormen Kapitalexport in das Ausland.  Teilweise als Direktinvestitionen, überwiegend jedoch als Kredit zur Finanzierung des Schuldenbooms in anderen Ländern.

    Wenig verwunderlich, dass deutsche Banken viel Geld im US-Immobilienmarkt verloren haben. Schon vor Jahren bezifferte das DIW die Verluste auf Auslandsinvestitionen auf mindestens 400 Milliarden Euro.

    Als die Krise in Europa offensichtlich wurde haben deutsche Banken ihr Geld aus den Krisenländern abgezogen. Dabei wurden sie entweder von öffentlichen Geldgebern abgelöst – Modell Griechenland – oder aber die Bundesbank musste den Geldabfluss durch die Gewährung von Target II Krediten ausgleichen.

    In Summe wurden so die von privaten Banken gegebenen Kredite – unserer Ersparnisse – durch direkte und indirekte Kredite des deutschen Staates ersetzt.

  9. Angesichts von mindestens 3 Billionen Euro fauler Schulden in Europa ist sicher, dass Deutschland als Hauptgläubiger einen großen Teil der Verluste tragen wird.

    Noch ist offen, auf welchem Wege dieser Verlust realisiert wird: durch Pleiten, eine geordnete Schuldenrestrukturierung oder eine Monetarisierung durch die EZB. In jedem Fall wird die Hauptlast den deutschen Bürger treffen.

  10. Alle Bemühungen, den Euro durch noch tiefere Zinsen über die Runden zu bringen, führen bereits für jeden offensichtlich zu einer Enteignung der Sparer.

    Ein schwacher Euro mag zwar der Exportindustrie erneut helfen, für den Mann auf der Straße bedeutet er jedoch höhere Kosten durch steigende Importpreise und verringert den Effekt des fallenden Ölpreises.
Vorbei sind die Tage

Für den Durchschnittsdeutschen stellt sich die Geschichte also so dar: die Einführung des Euro führte zu einer langen Phase geringen Wachstums, hoher Arbeitslosigkeit und Lohnstagnation. Die Tage der billigen Urlaube in Italien und Griechenland waren vorbei. Der Staat hat Ausgaben für Sozialleistungen und – viel schlimmer – Infrastruktur und Investitionen gekürzt.

Die Wirtschaft musste sich auf den Export konzentrieren, weil die Binnennachfrage gedrückt war und die Ersparnisse wurden dazu genutzt Lieferantenkredite zu gewähren. Jetzt, wo diese Kredite nicht bezahlt werden können, müssen wiederum die deutschen Sparer und Steuerzahler für den Schaden aufkommen. Zu allem Überfluss werden sie auch noch von den anderen Ländern kritisiert.

Sind die Deutschen also wirklich die Hauptnutznießer des Euro? Wohl kaum. Ohne den Euro hätte es die Schuldenparty im Süden nicht gegeben, aber auch nicht die großen Exportüberschüsse. Dafür einen höheren Lebensstandard und bessere Infrastruktur in Deutschland.


Über den Autor:
Daniel Stelter ist Gründer des auf Strategie und Makroökonomie spezialisierten Forums „Beyond the Obvious“. Er war von 1990 bis 2013 Unternehmensberater bei der Strategie¬beratung The Boston Consulting Group (BCG), zuletzt als Senior-Partner und Geschäftsführer. Seit 2007 berät er internationale Unternehmen im Umgang mit den Herausforderungen der fortschreitenden Finanzkrise.

Aktuell hat Stelter eine Replik auf das Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ des französischen Ökonomen Thomas Piketty im Verlag Frankfurter Allgemeine Buch veröffentlich. Mit seinem Buch „Die Schulden im 21. Jahrhundert“, das schon im Titel auf Pikettys Bestseller Bezug nimmt, weist Stelter auf die gravierende Betrachtungslücke seines französischen Kollegen hin, der in seiner Veröffentlichung übersieht, dass die Vermögen nur ein Symptom, die Schulden aber das wahre Problem der wirtschaftlichen Entwicklung sind.