Im Auftrag Ihrer Majestät Das Traditionshaus Cazenove Capital

Es ist nicht mehr wie früher, obwohl es noch so aussieht. Die Tische der Aktienmanager sind genauso angeordnet wie früher. Die Portfoliomanager sind den Händlern genau so nah wie früher. Die Software ist dieselbe wie früher. Selbst die Milch kommt um dieselbe Zeit wie früher: um 7.15 Uhr.

Aber eines hat sich geändert: die Lage. Das Arrangement steht nun in einem Bürohaus in der Londoner Gresham Street, ein paar Steinwürfe von St Paul’s Cathedral entfernt. Die alten Büros sind fünf Gehminuten weit weg in Moorgate Nummer 12. Doch sie sind für die Belegschaft der Vermögensverwaltung Cazenove Capital Management die Vergangenheit. Die Zukunft liegt hier, in der Zentrale von Konkurrent Schroders, der Cazenove Capital Mitte vergangenen Jahres übernahm.

Und wie es derzeit aussieht, hat sich Schroders damit ein richtiges Schätzchen ins Haus geholt. Das belegen schon die Unternehmenszahlen fürs erste Quartal 2014: Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum stiegen die Erträge aus dem Vermögensmanagement um mehr als 90 Prozent auf umgerechnet 60 Millionen Euro. Der Sprung komme insbesondere aus der Cazenove-Übernahme, heißt es dazu von Schroders selbst. Der Gewinn vor Steuern stieg um 14 Prozent, das verwaltete Vermögen erreichte ein Allzeithoch von 324 Milliarden Euro.

Neben diesen nackten Zahlen steht auch das Symbolische, das den Unternehmensvorläufer von Cazenove Capital umgibt. Denn das Finanzhaus Cazenove – das E am Ende ist stumm – galt als eine der letzten unabhängigen Adressen in der Londoner City. Und ist eine der ältesten. Denn gegründet hat es ein Aktienhändler namens Phillip Cazenove zusammen mit seinem Schwager bereits im Jahr 1823. In den über 100 folgenden Jahren wuchs das Unternehmen zu einem der bedeutendsten Aktien-Broker Londons heran.

„Cazenove übte seinen Einfluss mit dem geheimnisvollen Nimbus seiner über 190-jährigen Geschichte aus“, schreibt etwa die „Financial Times“ fast ehrfurchtsvoll. Schließlich zähle Cazenove sogar das britische Königshaus zu seinen Kunden – und ein Drittel aller Unternehmen, die im Leitindex FTSE 100 enthalten sind. Vom FTSE 250 sind es 99 Mitglieder, mehr als alle anderen, schreibt die Zeitung. Cazenove steht nicht nur im Dienst ihrer Majestät, sondern obendrein von halb London.

Ab 1979 wurden die Dinge viel interessanter „Was uns für Unternehmenskunden so interessant machte, war die uns nachgesagte Platzierungskraft. Wir kannten die größten Unternehmen, und wir kannten auch die großen institutionellen Investoren und Banken. Also waren wir einfach besser in der Lage, beide Parteien zusammenzubringen als andere“, sagte David Mayhew dem „Telegraph“.

Er muss es wissen. Bevor er seinen Posten als Vorstandschef bei der Investmentbanking-Einheit JP Morgan Cazenove abgab, war er 42 Jahre lang im Unternehmen. Er kannte es schon in einer Zeit, in der „Ankündigungen noch manuell und Nachrichten viel weniger effizient liefen“. Das war in den Sechzigern, London hinkte dem weltweiten Fortschritt der Finanzbranche weit hinterher. Bis 1979, sieben Jahre vor der großen Deregulierung in Großbritannien, dem Big Bang. „1979 entschied Großbritannien, sich dem Rest der Welt anzuschließen. Da wurden die Dinge schon viel interessanter“, sagte Mayhew.

Kleiner Rückblick: 1979 wurde Margaret Thatcher Premierministerin. Sie war ein Freund der modernen Finanzwelt, schaffte Devisenkontrollen ab und nahm in den Jahren darauf zahlreiche weitere Finanzmarktregeln zurück. Es gipfelte im Big Bang 1986, der London zu einem der führenden Finanzplätze der Welt machte. In der Zeit war Cazenove dank seiner Beziehungen als Kaufobjekt von so ziemlich jeder Bank heiß umworben. Doch die Partner lehnten stets ab und hielten an ihrem Geschäftsmodell fest. Die Szene hielt das für verrückt. Es war doch ganz klar, dass sie mit dem altmodischen Kram verlieren und von der Bildfläche verschwinden würden.Taten sie aber nicht.

Stattdessen boxten sie sich durch und blieben unabhängig – und bedeutend. Man sagt dem in London perfekt vernetzten Mayhew nach, dass er in fast jeder wichtigen Übernahmeschlacht oder Firmentransaktion mit von der Partie war. Nicht einmal einer der größten Finanzskandale der 80er Jahre konnte ihm nachhaltig schaden. Der irische Bier-König Guinness wollte 1986 zusammen mit der Argyll-Gruppe den deutlich größeren schottischen Whisky-Brenner Distillers übernehmen. Im Vorfeld trieb deshalb jemand den Preis der Guinness-Aktie nach oben und bekam eine Garantie gegen drohende Verluste. Mayhew war an der ganzen Übernahmesache natürlich beteiligt, gegen ihn wurde sogar ermittelt. Doch 1992 ließ man die Vorwürfe fallen. Dauerhaft en Schaden trug er nicht davon. Für einige gilt es aber als Retourkutsche, dass die Queen Mayhew bis heute nicht zum Ritter geschlagen hat.

Für Caz – wie das Unternehmen auch kurz heißt – ging es indes gut weiter. Im Jahr 2004 traf es eine wegweisende Entscheidung. Es trennte sein Fondsgeschäft, Private Banking und die Vermögensverwaltung als eigenes Unternehmen unter dem Namen Cazenove Capital Management aus dem Konzern heraus. Es ist jener Teil, der nun zu Schroders gehört. Das Broker-Geschäft und das Investmentbanking brachte Cazenove dagegen mit dem britischen Investmentbanking von JP Morgan in der Firma JP Morgan Cazenove zusammen.

„Cazenove gab gestern 181 Jahre Unabhängigkeit auf, indem es die Allianz mit der US-Investmentbank JP Morgan bestätigte“, wehklagte der „Telegraph“ am Tag, nachdem die Unternehmen es bekannt gegeben hatten.

Damit hat er sicher auch Recht. Die Sache hat aber auch eine gute Seite. Die Vermögensverwaltung gibt es bereits seit 1945, aber fast 60 Jahre lang stand sie im Schatten des bekannteren und strahlenderen Investmentbankings. Zu Unrecht, denn Cazenove Capital hat einige richtig gute Investmentfonds in der Palette und eine interessante Unternehmensphilosophie. Letztere repräsentiert keiner besser als Andrew Ross. Er kam 2001 als Vorstandschef zu Cazenove Capital und fand ein Unternehmen vor, dem ein guter Teil seiner Anlagekunden weggelaufen war. Die Aktienmärkte steckten mitten im dreijährigen Crash, es sah nicht gut aus. Ross begriff das jedoch als Chance, endlich das Fondsgeschäft aufzubauen, das er immer wollte.

Die drei großen Irrtümer der Fondsindustrie

Ihm ging es hauptsächlich um drei damals gängige Mythen über die Fondsindustrie: 1. Im Fondsmanagement geht es mehr um Prozesse als um Menschen. 2. Vermögen anzuhäufen, ist das Allerwichtigste. Und 3. Ein Finanzunternehmen kann in allen Disziplinen erfolgreich sein. Ross hielt schon damals alle drei Behauptungen für Blödsinn, und diese Ansicht spiegelt sich auch in seinem Unternehmen wider. „Heute wirkt das alles so offensichtlich, aber damals war meine Meinung völlig fremdartig“, sagte Ross dem Portal „Risk.net“. Wenn ein Fondsmanager heute zu ihm käme und sagte, in seinem Fonds sei genug Geld – Ross würde nicht zögern und den Fonds schließen.

Auch bei den Fondsmanagern selbst schaut Ross sehr genau hin – schließlich dreht es sich eben nicht nur um Prozesse, sondern um Menschen. „Es ist schwierig zu sagen, was gute Fondsmanager ausmacht“, gestand er ein. „Aber drei Dinge haben sie gemeinsam: Sie arbeiten extrem hart, sind klug und nehmen den Wettbewerb an. Sie wollen gute Arbeit abliefern und die Nummer 1 sein. Unsere Manager brennen für ihre Arbeit und ihre Fonds.“ Allerdings sollten sie auch die kollegiale Atmosphäre zu schätzen wissen und bereit und fähig sein, auch mit kleinen Teams gute Ergebnisse abzuliefern.

Ross startete 2002 seinen Angriff aufs Establishment, indem er von seinem früheren Arbeitgeber, HSBC Asset Management, fünf Fondsmanager abwarb. Darunter den Chef für britische Aktien, Tim Russell. Der hatte bei HSBC unter Ross erfolgreich Absolute-Return-Fonds mit Long-Short-Ansatz gemanagt. Eine Technik, die sein alter und neuer Chef sehr mag. Kritiker warfen Ross damals vor, das HSBCFondsmanagement zu fleddern. Anlageklassen, die hohen Analyseaufwand erfordern, hat Cazenove Capital bislang außen vor gelassen.

So bewegen sich beispielsweise die Aktienfonds entweder in Großbritannien oder Europa. Man kann eben nicht in allen Disziplinen gut sein. In seiner Spezialität hat das Unternehmen allerdings „ein Herzstück aus erfahrenen Fondsmanagern mit exzellenter Reputation als Stockpicker“ vorzuweisen, lobt der Branchendienstleister Trustnet. Und das sieht man den Fonds an. Denn die Caz-Manager bekommen über Jahre das Kunststück fertig, wirklich funktionierende Long-Short-Fonds zu managen. Ein Exemplar ist der European Equity Absolute Return.

Der hat seit seinem Start im November 2003 zwar per Saldo ähnlich viel gebracht wie der Stoxx Europe 600 Index, aber ohne dessen heftige Abstürze mitzunehmen. Der Kursverlauf ist trotz zwischenzeitlicher Durststrecken so schwankungsarm, wie es sein soll. Noch krasser ist das Bild beim European Alpha Absolute Return. Der kam im März 2007 auf den Markt – und gewann bis Ende 2008 erst einmal 35 Prozent hinzu. Der Stoxx-Index stand da schon mit 44 Prozent im Minus (Grafiken links).

Was die Fonds aus dem Rampenlicht fernhielt, war der Umstand, dass sie zusammen mit drei weiteren Produkten auf den Kaimaninseln registriert waren. Allerdings hatte Cazenove auch fünf weitere Fonds auf einer Plattform in Irland aufgelegt. Und auch deren Ergebnisse können sich sehen lassen. Selbst ein Long-only-Fonds wie der Pan Europe von Steve Cordell (Interview Seite 18) lässt seinen Vergleichsindex souverän hinter sich. Auch Cordell kam 2002 von HSBC.

Wer nach dem Unterschied zu anderen Fondsgesellschaften sucht, stößt neben der erwähnten Philosophie – die ja durchaus auch andere kleine Boutiquen vertreten – auf den hauseigenen Business-Cycle-Ansatz, also einen Ansatz, der Konjunkturzyklen nutzen soll. Es ist ein zentral vorgegebenes Regelwerk, innerhalb dessen sich die Fondsmanager bewegen dürfen. Das Prinzip: In normalen Auf- oder Abschwungphasen zählen vor allem fundamentale Kriterien – Bewertung der Aktie, Marktstellung des Unternehmens, Finanzkraft und wie sie alle heißen.

Hier geht es um Aktien, die den Markt schlagen. Anders ist es an den Wendepunkten der Konjunktur, also in der Boom- und der Depressionsphase. Hier zählt das Beta der Aktie, also wie stark sie insgesamt auf Marktumfeld und Konjunktur reagiert. Dafür nutzen die Fondsmanager die Business-Cycle-Faktoren von Unternehmen.

Das sind Informationen darüber, wie sich Unternehmen in der Konjunktur und damit eben auch in deren Extremphasen verhalten. Der logische Hintergrund: In diesen Phasen regieren am Markt meist Emotionen – Euphorie im Boom und Angst in der Depression. Fundamentale Fakten interessieren dann kaum jemanden, die Cazenove-Manager also auch nicht. Auf einen bestimmten Anlagestil wollen sie sich generell nicht festlegen. Anlagestile haben immer Zeiten, in denen sie out sind und nicht funktionieren. Cazenove will aber immer in sein. Bisher gelingt es offensichtlich bestens.

Das fand man auch bei Schroders und übernahm die Fonds nebst Managements sowie Gewohnheiten und Tischformationen in die eigenen Reihen. Inzwischen sind alle Cazenove-Fonds in Gegenstücken von Schroders aufgegangen. Damit entsprechen auch die Kaiman-Fonds dem Ucits-Standard und sind für deutsche Anleger erhältlich (siehe Kasten unten). Nun gilt auch für sie: Die Lage hat sich zwar geändert. Alles andere soll so bleiben, wie es war. Bitte.


Dreimal absolut gut

Die Charts zeigen drei beeindruckende Exemplare aus der Fondspalette von Cazenove Capital bis zu ihrer Übernahme durch Schroders. Alle drei laufen nach dem Long-Short-Prinzip und bewegen sich damit unabhängig vom allgemeinen Markt-geschehen. Jahrelang waren sie auf den Kaimaninseln registriert, jetzt gibt es sie als Ucits-Fonds bei Schroders.






(Quelle: Bloomberg)