Konjunktur „Damals galt Deutschland als der kranke Mann Europas"

Martin Hüfner von der Fondsgesellschaft Assénagon

Martin Hüfner von der Fondsgesellschaft Assénagon

Schauen Sie sich einmal die Grafik an. Die Parallelen zwischen der Entwicklung des Wirtschaftswachstums in Deutschland heute und vor zehn Jahren sind verblüffend. Damals wie heute kamen wir von goldenen Zeiten mit Expansionsraten von über 4 Prozent.

Dann hat sich die Dynamik spürbar verlangsamt. 2003 ging die reale Wirtschaftsleistung sogar leicht zurück (0,4 Prozent). In diesem Jahr wird sie nur geringfügig steigen.

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Interessanter als der Blick zurück ist freilich die Perspektive nach vorne. 2003 war das letzte einer Reihe von Jahren, in denen sich die deutsche Wachstumsrate verlangsamte. Danach zog die Konjunktur kräftig an. 2006 erreichte die Expansion fast wieder 4 Prozent.

Wenn damals nicht die große Finanzkrise in den USA gekommen wäre, wäre es vermutlich noch eine Zeit lang mit überdurchschnittlichen Raten weitergegangen. Könnte es sein, dass so ein Aufschwung wieder bevorsteht?

Der große Aufschwung bleibt aus

Um die Antwort vorweg zu nehmen: Nein, danach sieht es nicht aus. Der wichtigste Grund dafür ist, dass damals die Rahmenbedingungen der wirtschaftlichen Entwicklung ganz andere waren: Damals galt Deutschland als der „kranke Mann Europas" (so ein Titel der britischen Zeitschrift Economist).

Das wirkte auf die Deutschen wie ein Stachel in der Haut, der herausgezogen werden musste. Heute schreibt dieselbe Zeitschrift vom "Hegemon Europas". Da muss man nichts ändern.

Damals forderte der deutsche Bundespräsident, dass ein "Ruck durch das Land" gehen müsse. Heute sind die Menschen mehr oder weniger zufrieden mit der wirtschaftlichen Lage. Der Ifo-Geschäftsklimaindex hat im Juli zum dritten Mal hintereinander zugenommen.

Damals gab es über fünf Millionen Arbeitslose, die Arbeitslosenquote lag über 10 Prozent. Da musste etwas getan werden. Heute freuen wir uns, dass der Arbeitsmarkt so viel besser ist als in anderen Ländern.

Vor zehn Jahren waren die Aktienkurse in Deutschland drei Jahre hintereinander kräftig zurückgegangen. Das saß den Anlegern tief im Nacken. Im März hatte dann ein Aufschwung begonnen, dem nur wenige richtig trauten. Heute haben wir vier Jahre mit einer Aktienhausse hinter uns. Viele Experten sind der Meinung, dass das so weitergehen könnte.

Not macht erfinderisch

All das führte damals zu einer kreativen Unzufriedenheit. Die Lage war so schlecht, dass etwas geändert werden musste. Das geschah dann auch. Die Unternehmen gingen in Deutschland mit Elan daran, die Strukturen der Firmen zu modernisieren und die Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen. Die Ausrüstungsinvestitionen erhöhten sich preisbereinigt zeitweise mit zweistelligen Raten.

Heute beschränken sich die Strukturreformen in vielen Unternehmen auf Kostensparen, aber nicht auf die Verwirklichung neuer Konzepte. Die realen Ausrüstungsinvestitionen gehen seit fünf Quartalen zurück. Es sind keine Zeichen erkennbar, dass sich das bald ändern wird.

Immer weniger Unternehmen planen nach Statistiken des Stifterverbandes, ihre Ausgaben für Forschung und Entwicklung zu erhöhen. Es kommt die Forderung auf, der Staat müsse Forschung und Entwicklung stärker fördern.

Ähnlich in der Politik. Damals setzte die Regierung auf Veränderung und Modernisierung. Die Hartz-IV-Reformen sahen auf den ersten Blick relativ klein aus. Sie erzielten aber eine außerordentliche Breitenwirkung und veränderten die Gesellschaft.

Heute ist Reformbereitschaft in Deutschland eher gering. Die Regierung empfiehlt anderen Staaten Reformen. Sie selbst beschränkt sich darauf, den Wählern Wohltaten zukommen zu lassen. So wie der Wahlkampf geführt wird, ist nicht erkennbar, dass sich das nach dem 22. September ändern wird.  

Die damaligen Reformen waren es, die die Wirtschaft vor zehn Jahren ankurbelten. Sie fehlen jetzt. Wo Wachstumsimpulse für die deutsche Wirtschaft herkommen könnten, ist allenfalls von der Konsolidierung und den Reformen in Südeuropa.

Deutschland könnte von Südeuropa profitieren

Wenn es dort wirklich gelingen sollte, die Verbesserungen auf der Angebotsseite in einen konjunkturellen Aufschwung umzusetzen, dann würde sich das auch auf das deutsche Wachstum positiv auswirken. Deutschland würde von den Reformen der anderen profitieren.

So wie es derzeit aussieht, rechne ich nicht damit, dass sich der kräftige Aufschwung von vor zehn Jahren wiederholt. Das deutsche Wachstum wird sicher nicht so schwach bleiben wie jetzt. Das zweite Quartal wird besser sein (allerdings im Wesentlichen wegen der Aufholeffekte nach dem witterungsbedingt schwachen ersten Quartal).

Danach wird sich die Wachstumsrate wieder abkühlen. Eine stärkere Erholung ist erst dann zu erwarten, wenn die Reformbereitschaft in Deutschland wieder zunimmt. Wenn das nicht der Fall ist, könnte es sein, dass Deutschland auch in Europa wieder auf einen der Mittelplätze zurückfällt.


Für den Anleger: Sie sollten meine eher zurückhaltende Wachstumsprognose nicht zu ernst nehmen. Die Aktienmärkte werden derzeit nicht von der Konjunktur bestimmt. Für sie ist vor allem wichtig, dass es viel aufgestautes Kapital in den Vorhöfen der Kapitalmärkte gibt (nicht zuletzt Spareinlagen) und dass es angesichts der niedrigen Zinsen wenig Anlagealternativen zu Dividendenwerten gibt.