Versicherungsverbriefungen, Cat-Bonds Geld im Panikraum

Es ist der 11. März, Viertel vor 3 Uhr nachmittags, Japan ist bei der Arbeit. Plötzlich bebt die Erde. Gewaltig. Vor allem an der Sanriku-Küste in der japanischen Region Tohoku ist das Seebeben der Stärke 9 auf der Richterskala deutlich zu spüren. Die dabei frei werdende Energie entspricht dem 83-Fachen des Weltenergiebedarfs und löst einen bis zu 40 Meter hohen Tsunami aus, der weite Teile Japans überrollt.

Die Bilanz des gewaltigen Naturspektakels: Mehr als 16.000 Tote und gesamtwirtschaftliche Schäden von rund 210 Milliarden US-Dollar – der Gau im Atomkraftwerk Fukushima nicht mit eingerechnet. Ein neuer Rekord: Das Tohoku-Erdbeben mit all seinen Folgen ist damit die teuerste Naturkatastrophe aller Zeiten, meldet der Rückversicherer Munich Re. Allein gut 40 Milliarden Dollar davon bleiben an (Rück-)Versicherungen hängen, die mit dem Absichern von Naturkatastrophen und anderen Risiken ihr Geld verdienen.

Damit unerwartet hohe Schäden die Versicherungen dabei nicht selbst in die Insolvenz reißen, sind die Gesellschaften vor rund zehn Jahren dazu übergegangen, einen Teil des Risikos an den Kapitalmarkt abzugeben. Insurance Linked Securities (ILS) nennen sich diese Verbriefungen, die bekannteste Subkategorie hiervon sind Katastrophenanleihen, kurz Cat-Bonds.

Cat-Bonds haben kein Zinsänderungsrisiko

Anleger, die diese Bonds kaufen, erklären sich dazu bereit, ihren Geldeinsatz (Nominal) im Schadensfall – etwa bei einem Hurrikan, Erdbeben oder Flugzeugabsturz – dem Versicherer zu überlassen. Dafür bekommen sie vom Versicherer einen Zins. Er besteht meist aus zwei Komponenten: einem Grundszins wie dem Drei-Monats-Libor und einem Aufschlag (Spread), je nach zugrunde liegendem Risiko.

Anders als bei anderen Anleihen haben Cat-Bonds dadurch kein Zinsänderungsrisiko. Der Interbankenzins Libor als Basis orientiert sich am Leitzins der Europäischen Zentralbank. Steigt der, steigt auch der Libor und damit die Verzinsung der Cat-Bonds. Zwischen 5 und 15 Prozent versprechen Cat-Bond-Emittenten ihren Investoren in der Regel.

Eine Katastrophe löst den Totalausfall aus

Das Geld der Investoren wird dabei in sicheren Anleihen wie US-Treasuries oder Geldmarktfonds geparkt (Collateral Account). Früher war es üblich, dass Investmentbanken die Collaterals verwalteten. Durch die Lehman-Pleite waren aber auch Katastrophenanleihen betroffen, bei denen die Mittel geparkt waren. Seitdem ist diese Konstruktion extrem selten geworden.

Kommt es zur Katastrophe, verliert der Anleger sein Geld. Was den Totalausfall auslöst, ist von Papier zu Papier unterschiedlich. Beliebt ist der sogenannte parametrische Trigger. Hier kommt es auf leicht nachvollziehbare und messbare Größen wie die Windstärke oder den Wert auf der Richterskala an. Wird der vorgegebene Wert geknackt, ist das Geld weg. Bei der Entschädigungsvariante (indemnity) steht der für den Versicherer entstandene Schaden im Vordergrund. Der ist für Anleger zwar objektiv schwerer nachzuvollziehen, als Ausgleich dafür bekommen sie aber auch einen höheren Kupon.

Korrelation zu anderen Anlageklassen gering

Investoren schätzen die Produkte aber nicht so sehr wegen ihres Zinses, sondern vor allem wegen einer anderen Eigenschaft: „Der Vorteil dieser Anlageklasse liegt vor allem darin, dass sie Risiko- aber auch Prämienquellen bietet, die sehr wenig mit anderen Anlageklassen korrelieren“, sagt Didier Noverraz, Portfoliomanager von LGT Capital Management, den Spezialisten für traditionelle Anlageklassen der LGT Group. Denn während ein Aktiencrash in den USA einen in Europa relativ leicht nach sich ziehen kann, hat er keinen Einfluss auf einen Hurrikan in den USA und der wiederum keinen auf ein Erdbeben in Asien.

„Dazu ist der Markt mit einem ausstehenden Volumen von 14 Milliarden US-Dollar noch recht klein, aber wachsend und im Vergleich zu anderen Märkten relativ ineffizient“, ergänzt Daniel Wälchli. „Er neigt etwa zu Überteuerungen aber auch zu Fehleinschätzungen von wenig erfahrenen Anlegern“, so das Vorstandsmitglied der IHAG Holding, die das Vermögen der Schweizer Unternehmerfamilie Bührle steuert. „Alles Komponenten, die helfen, eine Zusatzrendite zu erzielen.“

Spezialwissen ist Pflicht

Die Schweizer setzen Cat-Bonds und andere Insurance Linked Securities in ihrer Vermögensstrategie schon seit 2003 ein. Beraten lassen sie sich dabei von Solidum Partners, die auch Fonds aus diesen Bereichen managen. „Wir nutzen vor allem Cat-Bonds, die besonders hohe Schäden versichern und dabei recht kurze Abwicklungszeiten haben“, so Wälchli. „Bei Versicherungen für Flugzeugabstürze dauert es bis zu 15 Jahre bis alle Betroffenen entschädigt worden sind. Nach einem Hurrikan ist viel schneller klar, wie teuer die Katastrophe ist.“

Die einfachste Art, in Cat-Bonds zu investieren, ist über Fonds. „Wir bevorzugen eine Fondslösung, da hier Spezialwissen unabdingbar und eine gewisse Diversifikation der Risiken – die aber nicht zulasten der Ertragserwartungen übertrieben werden darf – zweifellos sinnvoll ist“, erklärt Ulrich Wernitz, Investmentchef von Berlin & Co. Noch hat das Family Office zwar nicht in die Anlageklasse investiert – kurz vor der Erstanlage passierte das Erdbeben in Japan –, „wir erwägen aber eine Anlage in der näheren Zukunft“.

Cat-Bond-Fonds sind noch jung

Aktuell gibt es rund ein halbes Dutzend Fonds, die einen Schwerpunkt auf Cat-Bonds legen: Falcon Cat Bond Fund (ISIN: CH0019572566), Clariden Leu Cat Bond Fund (LI0102679219), Solidum Cat Bond Fund (LI0049587301), Plenum Cat Bond Fund (LI0115208543) und GAM Star Cat Bond (IE00B3Q8M574). Alt sind die Produkte nicht, eine Drei-Jahres-Performance gibt es nur im Fall des Falcon-Produkts.

Frischling unter den Fonds ist der Ende Oktober 2011 aufgelegte GAM Star Cat Bond. Manager des Ucits-Fonds ist John Seo, geschäftsführender Partner bei Fermat Capital Management, einem Vermögensverwalter, das sich auf Versicherungsverbriefungen spezialisiert hat. 50 bis 60 Bonds nimmt Seo ins Portfolio, das ist rund die Hälfte aller ausstehenden Anleihen dieses Segments. „Wir prüfen die Struktur eines Cat-Bonds und ermitteln seinen fairen Preis auf Basis unserer Modelle. Wenn wir beides für attraktiv halten, kaufen wir die Anleihe.“

Kategorisch ausgeschlossen sind von Menschen verursachte Katastrophen wie Flugzeugabstürze. Hier bemängelt Seo vor allem die zu geringe Datenbasis, was eine Analyse erschwert und die Anfälligkeit für Modellfehler erhöht.

Nicht zu viel streuen

Während der GAM-Fonds durchaus nach Region, Risiko und Triggertyp diversifiziert, strebe das Team keine unnötig starke Streuung an. „Der Fonds hat einen starken Fokus auf US-Katastrophenrisiken. Diese bieten aber auch oft höhere Renditen und sind weniger unsicher, was das zugrunde liegende Risikomodell angeht, als Anleihen außerhalb der USA“, so Seo weiter.

Und diese Risikomodelle spielen eine wichtige Rolle. Sie sind die Basis für Struktur und Preis eines Cat-Bonds. Unternehmen wie Risk Management Solutions (RMS), EQECAT und AIR Worldwide berechnen Eintrittswahrscheinlichkeit und Ausmaße einer Katastrophe. Ändern sie ihre Risikoparameter, hat das Auswirkungen auf die Produkte. „Im Frühjahr 2011 hat RMS die potenziellen Verluste bei Wirbelstürmen in bestimmten Regionen der USA nach oben angepasst“, sagt Gregor Gawron, Leiter der ILS-Abteilung bei Falcon Private Bank und Manager des Falcon Cat Bond Fonds. „Anleihen, die auf diese Regionen ausgerichtet waren, verloren daraufhin an Wert.“

Rendite nicht immer überzeugend

64 Cat-Bonds hat Gawron derzeit im Portfolio. Den größten Anteil haben mit 37,6 Prozent US-Hurrikane, Erdbeben in den USA (27,6 Prozent) und Stürme in Europa (19,2 Prozent). Gawron prüft jede Anleihe auf ihre Struktur: Eintrittswahrscheinlichkeit, erwarteter Verlust, Trigger? Überzeugt das alles, kommt der Bond ins Portfolio. Bisher hat diese Strategie seit Auflegung des Fonds Ende 2004 rund 22 Prozent Rendite gebracht. Im Schnitt sind das knapp 3 Prozent pro Jahr.''

Für Oliver Heller, Chef des Stuttgarter A/Ventum Family Office, ist das zu wenig. Er hat den rund 3-prozentigen-Anteil von ILS im hauseigenen Portfolio gerade komplett abgebaut. Investiert war A/Ventum in das Zertifikat IRIS Balanced von Credit Suisse (CH0035956694). „Die erzielte Rendite von jährlich 2 Prozent über drei Jahre war zwar positiv, hat uns aber für die übernommenen Risiken nicht gereicht“, so Heller. Abgeschrieben hat Heller Cat-Bonds aber nicht. Dafür gefällt ihm das unkorrelierte Risiko zu gut. „Vor allem in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ist das attraktiv“, ergänzt LGT-Manager Noverraz. „Deshalb wird die Anlageklasse auch in Zukunft sehr interessant bleiben.“